Mü(n)digkeit

Meine Mutter wird irgendwann zwischen gleich und in wenigen Tagen sterben. Ob sie sehr leidet, kann ich nicht genau sagen, obwohl ich immer ihre engste Vertraute war und ständig in ihrer Nähe bin, um auch ja keine Gelegenheit zu verpassen ihr die letzten apathischen Atemzüge zu erleichtern. Sie kann nicht mehr kommunizieren, auch wenn ich mir sicher bin, dass sie Alles was um sie herum geschieht wahrnimmt.

1376418_988531164505934_367760581958279520_n(Eigentlich wollte ich keine Fotos einfügen, aber irgendwie hatte ich doch das Bedürfnis)

Sie hat ein Glioblastom, das ist so ziemlich die beschissenste Krebsdiagnose die man sich vorstellen kann. Ein Hirntumor, der selbst bei erfolgreicher Behandlung bei fast allen Betroffenen innerhalb von viel zu kurzer Zeit (ich glaube ca. 14Monate) zum Tode führt. Alle die aus dem Rahmen fallen dürfen sich aber auch keine großen Hoffnungen machen, denn bei diesem Monster spricht man auch nach längerer Zeit ohne einen erneuten Ausbruch niemals von Heilung. Die Betroffenen müssen also in ständiger Angst leben. Müssen sie natürlich nicht, aber leider haben die meisten Menschen Angst vor unheilbaren Erkrankungen die unabdingbar zum Tode führen und dem Tod himself natürlich auch.

Seit dem Erstausbruch der Krankheit, habe ich versucht alle Hebel in Bewegung zu setzen um das Schicksal auszutricksen oder zu bestechen.. ich habe unzählig viele Nächte mit Recherchen vor dem PC verbracht um Heilmethoden zu finden. Alles wäre für mich in Frage gekommen. Aber wie soll man nur einen Menschen von Pillen, Naturheilmitteln und Ernährungsumstellungen überzeugen, der Dank deiner Hilfe davon ausgeht, nach überstandener Therapie wieder völlig genesen zu können. – Als ich meiner Mutter verboten hatte, die Krankheit zu googlen um ihr die Ängste vom Leib zu halten, habe ich diese Methode noch für eine gute Wahl gehalten. –

Die Antwort lautet GAR NICHT! Bei meiner Mutter zumindest nicht. Jegliche Versuche scheiterten.. Nach der ersten Diagnose, OP und Standard-Therapie mit Bestrahlung und Chemo, hatte meine Mutter noch ein gutes Jahr ohne sehr große Einschränkungen. Doch leider nutzte sie die Zeit nicht so, wie jemand es getan hätte, der über sein Schicksal Bescheid gewusst hätte. Deswegen stelle ich mir immer wieder diese zermürbende Frage

„Hättest du sie lieber mit dem Bewusstsein und der Angst leben lassen sollen?“

Habe ich meine Mutter entmündigt und ihr die Chance genommen die letzte Zeit ihre Lebens bewusster zu nutzen? Ich bin natürlich nicht das einzige Familienmitglied, doch irgendwie haben die anderen den Ernst der Lage gekonnt ignoriert oder einfach,  weil es so eine altbewährte Methode in unserer Familie ist, verdrängt. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass sich keiner diese Gedanken gemacht hat, bevor ich es nicht angesprochen habe und danach hielten sie sich wohl auch nicht mehr lange in den Köpfen.

Ich frage mich immer wieder ob es an mir lag meine Mutter zu informieren, ihr die Angst in den Kopf zu impfen und ihr die Leichtigkeit des Seins durch einen riesengroßen, fetten Felsklotz im Magen zu ersetzen. Die Ärzte hatten jedenfalls nicht vor ihr den Ernst zu verdeutlichen und behaupteten, dass sie es meiner Mutter in aller Deutlichkeit gesagt hätten. – Dieser Moment der Offenbarung muss allerdings im Delirium nach der Narkose gewesen sein, da ich sonst zu jedem Zeitpunkt bei den Arztterminen und Gesprächen anwesend war und niemals ein Wort in diese Richtung gefallen ist.-

Die Angst die ich meiner Mutter dadurch ersparen wollte, habe sie leider durch das Gefühl der Schuld ergänzt und mir implantiert. Ob es das Wert war und die richtige Entscheidung gewesen ist weiß ich leider nicht.

Vielleicht hilft mir das Schreiben ja bald dabei es herauszufinden oder der Austausch mit anderen Menschen. Kennt hier jemand dieses Gefühl? Hat jemand das Gleiche durchlebt oder durchlebt eine ähnliche Situation?

Der Schlaf kam in den letzten Monaten deutlich zu kurz, aber Nachts schreibt es sich halt besser.. ich sollte deswegen jetzt mal die Augen zu machen.

Gute Nacht

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3 Kommentare zu „Mü(n)digkeit

  1. “Hättest du sie lieber mit dem Bewusstsein und der Angst leben lassen sollen?”

    Die Angst die ich meiner Mutter dadurch ersparen wollte, habe sie leider durch das Gefühl der Schuld ergänzt und mir implantiert. Ob es das Wert war und die richtige Entscheidung gewesen ist weiß ich leider nicht.

    Hallo,
    seit dem 04. Februar dieses Jahres hat meine Lebensgefährtin die Diagnose Glioblastom. Der Arzt hat es mir in ihrem Beisein mitgeteilt, aber sie weiß bis heute nicht, was es für sie bedeutet. Noch glaubt sie an eine Heilung und ich kann und will ihr diese Hoffnung nicht rauben. Ich habe Angst davor, dass sie dann aufgibt.

    Heute war ein schlimmer Tag. Ich habe ihr im Krankenhaus, noch bevor wir die Diagnose erhalten haben, einen Heiratsantrag gemacht. Heute habe ich ihr vorgeschlagen, im Juni zu heiraten, worauf sie meinte, sie wolle erst wieder ganz gesund werden. Was sagt man auf so etwas hin? Ich habe ihr dann gesagt, dass ja alleine die Chemotherapie bis Ende September dauert und ich nicht bis zum Winter warten möchte. Sie sah mich erstaunt an, weil sie das mit dem halben Jahr Chemotherapie auch nicht mehr wusste.

    Ja, das schlechte Gewissen. Abends, wenn sie im Bett ist und ich noch ein oder zwei Stunden für mich habe, falle ich in ein tiefes Loch. Dann kommt alles hoch – auch das schlechte Gewissen. Tagsüber funktioniere ich. Irgendwie…

    Du hast mein tiefes Mitgefühl zum Tode Deiner Mutter. Und danke für Deine Zeilen hier.

    Liebe Grüße
    Fred

    P.S. Ich bin über das Forum der Hirntumorhilfe auf Deinen Blog gestoßen.

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Fred,
    uff.. das mit deiner Lebensgefährtin ist ein harter Schlag und tut mir sehr leid.
    Ich kann sehr gut verstehen, dass du ihr den Antrag gemacht hast und es dir nicht schnell genug gehen kann. Ich kann ihre Reaktion auch verstehen, man möchte den Tag schließlich genießen können und nicht gerädert sein von der Kräfte-zehrenden Behandlung und der Krankheit.

    Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich meiner Mutter immer nur gesagt habe. „Du musst jetzt ganz tolle Sachen machen und in den Urlaub fahren. Der Arzt hat doch gesagt, du musst aktiv sein, damit die du nicht dieses Fatigue Syndrom bekommst. Achte bitte nicht aufs Geld und gönn dir auch mal was.“
    Ich habe immer irgendwelche Gründe gesucht um sie zu überreden, aber sie war schon oft sehr müde und auch ihre Blutwerte waren im Keller, deswegen habe ich mich unheimlich gefreut, dass wir es trotzdem geschafft haben zu Zweit in den Urlaub zu fahren. Und nachdem sie sich entschieden hat die Chemotherapie nach dem sechsten Zyklus nicht fortzuführen, war sie fast genau so fit wie vorher und hat viele Städtetrips mit Freundinnen gemacht.

    Vielleicht ist es ein guter Mittelweg zu sagen „Du siehst doch wie schnell etwas Schlimmes passieren kann. Diese Situation ist für mich ein Zeichen und zeigt nur, dass wir zusammengehören und nicht mehr warten sollten. Wenn du die Krankheit besiegt hast, können wir gerne ein zweites Mal feiern, wenn du es dir wünschst“ oder du sagst ihr, dass der jeder Krebs wiederkehren kann und ihr deswegen den Moment nutzen solltet… Auch wenn das ein wenig Angst mit sich bringen kann. Aber das ist irgendwie eine allgemein gültige Aussage und sie wird es vielleicht nicht so sehr auf sich beziehen.

    Dieses tiefe Loch gehört wohl zur Verarbeitung und ist bestimmt auch ein wichtiger Prozess. Aber falls du so wie ich über Wochen hinweg keinen Schlaf finden kannst, kann ich dir nur empfehlen so etwas wie geführte Meditationen herunterzuladen. Ich habe nie viel von so etwas gehalten und bin mir auch jetzt nicht sicher, ob es wirklich etwas im Inneren ausrichtet, aber einschlafen kann ich dabei inzwischen sehr gut. Und vielleicht hilft es ja wirklich bei der Stressbewältigung 🙂

    Was für eine Prognose hat deine Lebensgefährtin? War ihr Tumor operabel? Ich habe einen Arzt kennengelernt, der mir sehr viel Hoffnung und Zuversicht auf einen anderen Weg geschenkt hat. Falls ihr eine Zweitmeinung haben möchtet, kann ich ihn nur empfehlen. Deine Lebensgefährtin muss auch nicht dabei sein und auch eure Ärzte und die Krankenkasse würden nichts davon erfahren, falls es euch unangenehm ist. Er berät ausführlich gegen einen sehr kleinen Kostenaufwand in einer Privatklinik und schaut auf jeden Bericht und jedes MRT Bild und erläutert diese ausgiebig.

    Ich wünsche euch ganz viel Kraft und ein kleines Wunder 🙂
    Es gibt schließlich genug Fälle, bei denen solche Wunder geschehen.
    Fühl dich gedrückt und ich hoffe du bekommst sie zu der Hochzeit überredet,

    Sowl

    Gefällt 1 Person

  3. „Aber falls du so wie ich über Wochen hinweg keinen Schlaf finden kannst, kann ich dir nur empfehlen so etwas wie geführte Meditationen herunterzuladen.“

    Liebe Sowl,

    vielen Dank für Deine Zeilen. Ja, unter Schlaflosigkeit leide ich sehr. Mein Arzt hat mir zwar Beruhigungspillen verschrieben, aber ich versuche, sparsam mit diesen umzugehen. Ich nehme sie nur an den ganz schlimmen Tagen. Geführte Meditationen? Magst Du mir mehr dazu schreiben?

    Ja, ihr Tumor konnte vollständig entfernt werden. Eine Prognose zur verbleibenden Lebensdauer wollte der Arzt zum Glück nicht geben. Zwei Drittel der Bestrahlung hat sie nun bereits hinter sich gebracht und die Chemotherapie mit Temodal verträgt sich bislang auch recht gut. Aber sie schläft sehr viel und ganz viele Wörter fehlen ihr jetzt. Ich spiele häufig Memory mit ihr und sie kann mir zu 90 % nicht sagen, was sie auf den Karten sieht. Die Bestrahlung ist schlimm für sie, da sie unter Platzangst leidet und die Maske furchtbar für sie ist. Für die erste Bestrahlung haben wir 2,5 Stunden gebraucht. Erst die Psychologin konnte ihr dann wirklich helfen, die Bestrahlung durchzuziehen.

    Zu Deinem Beitrag über Wut und Trauer: Ich kann Deine Wut sehr gut verstehen und bin erschüttert über das Verhalten Deines Vaters. Die Lebensversicherung Deiner Mutter für die Scheidung seiner „Freundin“ zu verwenden ist für mich an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten. Und meiner Meinung nach darfst Du auch diese Wut ruhig zulassen. Aber lass aus dieser Wut bitte keinen Hass erwachsen. Hass ist schlimm. Hass macht krank. Vielleicht hilft ja wirklich eine Familienaufstellung, wie Dir bereits empfohlen wurde. Vielleicht hilft ja auch, den Kontakt zu ihm (zumindest temporär) abzubrechen.

    Die Trauer wird noch kommen, da bin ich mir sicher. Und dann solltest Du sie zulassen. Als mein Vater vor knapp 4 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben ist, war zuerst auch keine Trauer da, statt dessen eine gewisse Erleichterung, dass er es endlich hinter sich gebracht hatte. Die Trauer kam später. Sie kommt auch heute noch ab und zu.

    Liebe Grüße
    Fred

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