Wenn Wut die Trauer ersetzt..

Jetzt ist meine Mutter schon seit ein paar Tagen tot..

keine Woche, ich weiß einfach nicht wie lange und ich kenne auch nicht das Todesdatum. Das ist komisch, denn sie war der wichtigste Mensch in meinem Leben und mein Lebensinhalt in den letzten Monaten bestand darin, für sie da zu sein.

Ich denke ich konnte die letzten Beiträge nur so herunter schreiben, weil ich mich immer noch in einer Art Schockstarre befinde. Es war ein so unwirklicher Tag und nachdem sie starb, hat mein Vater all seine bisherigen Handlungen überboten.

Wir hatten schon immer ein sehr schwieriges Verhältnis. Er definiert sich nur über Geld und Besitz und mindestens einmal wöchentlich machte er uns Vorwürfe, wegen unseres fehlenden wirtschaftlichen Verständnisses. Sowas wie eine emotionale Bindung gab es für ihn leider nicht. Als ich für 14 Monate im Ausland war, gab es kein einziges Telefonat oder eine nette Mail, nur zwei trockene Mails über die Kreditkartenabrechnungen und dass ich den Betrag ausgleichen solle. Ohne ein „wie gehts?“ oder „wo bist du gerade?“. Leider macht es auch die Tatsache, dass er Medis gegen seine Depressionen nimmt, nicht weniger traurig.
– Er hatte sich schon zu Lebzeiten meiner Mutter eine neue Frau von den Philippinen im Internet gesucht-

Als ich an seinem PC saß und die Worte: „My wife had a life insurance. I can pay for your divorce now.“ las, ging der letzte Hoffnungsfunke verloren und ich drehte durch. Ich nahm sein Handy und schleuderte es vor ihm auf dem Boden kaputt während er den Rasen mähte. Ich brach zusammen und ihm war es völlig egal. Er reagierte nicht, mähte weiter. Meine Schwester und ich verließen das Haus nachdem wir ihm vermittelten was wir von ihm halten und für ihn war das alles eine völlig übertriebene Reaktion. Er versuchte die ganze Sache noch in Mails zu rechtfertigen und toppte das Ganze, indem er uns eine Mail von seiner „Jenny“ zuschickte um zu beweisen, was für ein netter Mensch sie sei.

Ich konnte das ganze nicht verkraften, war nur wütend und enttäuscht und hatte Angst vor weiteren E-Mails. Die folgten auch, mit Vorhaltungen über die Kosten und Umstände die ich ihm durch sein kaputtes Handy bereitet hätte.

Er hat alles in die Wege geleitet, die Beerdigung, Gedenkkarten etc., mehr als ich ihm im Nachhinein zugetraut hätte. Es ärgert mich so sehr, dass ich an all dem nicht beteiligt sein kann. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen noch einmal mit diesem Menschen normal umzugehen. Er hat meiner Mutter ihr ganzes Leben lang Kummer und Sorgen bereitet. Sie war so ein wundervoller Mensch und hat ihn immer in allem unterstützt, auch wenn sie nie in seine Entscheidungen mit einbezogen wurde und es nie in ihrem Interesse verlief. Sie hat seine Alkohol- und seine Kaufsucht ertragen und er kann es kaum erwarten sie endlich zu ersetzen. Sie hatten wirklich keine gute Ehe und ich habe beiden schon seit etlichen Jahren zu einer Scheidung geraten, aber irgendwie hingen die Beiden aneinander. Jetzt denke ich, dass es wegen ihres Testaments und der Lebensversicherung war.

Manchmal habe ich Mitleid mit ihm. Er hat kaum Freunde und immer sehr zurückgezogen gelebt. Er sieht sich selber in der Opferrolle. Ein normales Familienleben gibt es nun wohl nicht mehr. Es ist wie in einer schlechten Fernsehserie bei der man sich fragt, wer so ein schlechtes Drehbuch geschrieben hat, weil es so absurd ist.

Gestern kam die erste „normale“ Email, fast schon eine Art Entschuldigung, er hoffe wir würden es nochmal hinbekommen. Es scheint nicht, als würde er uns verstehen und etwas ändern wollen. Diese Frau an seiner Seite zu akzeptieren kommt für mich leider nicht in Frage und für ihn kommt nicht in Frage, seine Beziehung in Frage zu stellen. Mit einer 20Jahre jüngeren Frau, die kein Deutsch spricht, die er über eine Dating-Plattform für philippinische Frauen und europäische Männer kennengelernt hat, die sich nichtmal ihre Scheidung leisten kann..

Und wo bleibt meine Mutter, wo bleibt die Trauer? Nur abends im Bett sehe ich sie vor mir und muss manchmal weinen. Es macht mich wütend, dass er es geschafft hat alle Aufmerksamkeit auf diese Sache zu ziehen, an diesem Tag..

Können Depressionen und Medikamente einen Menschen so werden lassen? 
Das mag jetzt komisch klingen aber, wird die Trauer irgendwann richtig herauskommen oder habe ich den Zeitpunkt verpasst? 

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5 Kommentare zu „Wenn Wut die Trauer ersetzt..

  1. Hey, ich kann dir deine Fragen nicht beantworten, aber im Normalfall versucht jeder irgendwie Glücklich zu werden. Leider glauben die meisten das durch irgendwelche Handlungen bzw. kurzfristigen Entscheidungen zu erreichen. Was ja auch für kurze Momente ein Glücksgefühl hervorrufen kann. Sobald es verflogen ist, muss die nächste Sache her.

    Da der an-deiner-Zeugung-beteiligter Arsch ua. an Kaufsucht leidet, scheint dieses Muster besonders stark bei ihm ausgeprägt zu sein. Wahrscheinlich wird das auch nicht absichtlich von ihm ausgeführt, sondern der einzige Strohhalm – den er sieht – nachdem er greifen kann.

    Ich würde dir empfehlen, zu versuchen seine Opferrolle in deinem Herzen zu entdecken. Was aber nicht heißt, seine Dummheiten zu ignorieren oder zu verzeihen. Aber deine Grundhaltung zu ihm – die im Moment wahrscheinlich ‚Zermatschen‘ sein könnte – zu wandeln. Leichter wäre das, wenn du keine weltlichen Abhängigkeiten zu ihm hast, meist finanzieller Natur. Denn wenn du die Perspektive änderst kannst du gelassenere Entscheidungen treffen, egal ob das dann Vernichtung,Hilfe oder die Bewusstmachung seiner Verfehlungen ist.

    Ich habe sowas noch nicht in Anspruch genommen, aber falls eure Kommunikation nicht zielführend ist, könnte eine Mediation/Familienaufstellung hilfreich sein.

    Ich wünsche dir alles Gute für deine Trauerarbeit und hoffe du gehst gestärkt daraus hervor. (Buchempfehlung: 4-3=1)
    MfG toe

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo toe,
      vielen Dank für deine Antwort.
      Ich denke du hast Recht. Grade das ist auch mein Problem. Ich habe zwei sehr extreme, konträre „Geister“ in mir vereint.
      Die waren schon immer da und die werden es wohl immer sein. (Ich habe mich noch nie mit Sternzeichen befasst, aber vielleicht liegt es daran, dass ich Zwilling bin oder so.) Einerseits bin ich absolut vergebend und harmoniebedürftig und versuche ihn zu schützen, indem ich sein mieses Verhalten nicht bei den Menschen, denen er auf der Beisetzung begegnen wird, offenbare. Aber andererseits kann ich ihm seinen Egoismus nicht verzeihen, aus Gerechtigkeit meiner Mutter gegenüber und werde auch laut und wütend und verletzend. Auch wenn sie tot ist, fühle ich mich verpflichtet sie zu schützen.
      Ich hoffe ich finde einen Weg ausgeglichener zu werden und einen Mittelweg zu finden, bei dem es mir auf die Weise egal wird, die mich nicht selber zu sehr belastet.
      Allerdings musste ich ihm schon sehr oft Dinge vergeben und wurde immer wieder enttäuscht und weiß nicht ob es irgendwann zu viel wird.
      Ich werde mir das Buch gerne anschaffen, und hoffe dass es mich weiterbringt.
      Für Meditationen werde ich momentan auch immer offener. Was eine Familienaufstellung ist, weiß ich leider nicht. Kannst du mir das erklären?
      Ich denke, wenn die Beisetzung überstanden ist, werde ich auch versuchen eine „Yoga/Meditations-Kur“ zu machen.
      Kennst du ein Land oder einen Ort der besonders geeignet ist?

      Liebe Grüße,
      sowl

      Gefällt 1 Person

      1. Wegen der Familienaufstellung schau mal auf Wikipedia: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Familienaufstellung sowas gibt es bei uns in allen größeren Städten. Und wegen Meditationskur (Retreat genannt) wird oft sinnvollerweise angegeben, dass man in stabiler psychischen Kondition sein soll. Da musst du dich selbst mal einschätzen. Hier sind die deutschen Zentren meines Vertrauens: https://thebuddhistcentre.com/text/triratna-around-world?c=Deutschland%20(Germany) Vielleicht gibt es etwas in deiner Nähe ( https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=zsXSwpTnZaiQ.kyniwXayvJw8&msa=0&ie=UTF8&t=h&source=embed&ll=52.05249%2C6.328125&spn=30.466981%2C91.230469&z=3) .
        MfG toe

        Gefällt 1 Person

      2. Oh.. ja auf Wiki hätte ich auch selber mal kommen können. Vielen Dank!
        Ja, kann mich da selber schlecht einschätzen. Werd mich die nächsten Wochen mal beobachten und dann schauen.
        Wollte auch nicht so gern nach Deutschland, eher ganz weit weg, um auch ne körperliche Distanz zu schaffen.
        Die Beisetzung ist sowieso noch viel zu lange hin, bis dahin muss ich mal hier bleiben und werd im Kleinen versuchen mit zu retreaten 🙂

        Vielen lieben Dank für deine Zeit und Hilfe

        Gefällt 1 Person

  2. zu „…wird die Trauer irgendwann richtig herauskommen oder habe ich den Zeitpunkt verpasst?…“
    die Trauer wird kommen. Manches, manche Gedanken, Erinnerungen, Gefühle kommen vielleicht erst viel später. Vielleicht Jahre später.
    …alles hat seine Zeit
    …alles braucht seine Zeit
    …man muss es nicht beschleunigen
    …und man kann es nicht beschleunigen
    …und wenn man es könnte, wäre es vielleicht nicht wirklich hilfreich

    Gefällt 1 Person

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