Eigenverantwortung

Inzwischen ist es ja schon wieder eine Weile her, seit ich das letzte Mal geschrieben habe.
Ich habe es mir wieder etliche Male vorgenommen, doch haben meine Lieben sich scheinbar zur Aufgabe gemacht mich permanent zu unterhalten und ich habe hier auch versucht ein paar Dinge in Angriff zu nehmen, dabei allerdings mehr Chaos gestiftet, als Ordnung geschaffen zu haben.

Mein Mutter ist inzwischen 3Wochen und einen Tag nicht mehr da. Irgendwie weiß ich das inzwischen, vielleicht bin ich aus diesem Dämmerzustand erwacht. Mein Vater hat ein paar Mal versucht Kontakt zu uns aufzunehmen, hauptsächlich indem er mir Vorwürfe wegen seines kaputten Handys gemacht hat und aber auch um die Beisetzung zu organisieren und zu sagen, dass er ihre Garderobe entsorgen möchte und wir uns holen sollen was wir noch brauchen. Ich war in der Zwischenzeit, drei Tage nach Mamas Tod, noch einmal zu hause um den Schmuck meiner Mutter in Sicherheit zu bringen. Zu dem Zeitpunkt hatte mein Vater schon mein altes Kinderzimmer in ein professionelles Büro umgewandelt. Das ging mir alles sehr schnell und auch etwas an die Nieren.

Ich hatte große Angst ihm über den Weg zu laufen und habe mich hinter einer Türe vor ihm versteckt. Ich weiß einfach nicht wie ich mit ihm umgehen soll. Ich habe einerseits großes Mitleid, weil ich mir sicher bin, dass er krank ist. Auf der anderen Seite merke ich jedes Mal, wenn ich an ihn denke oder er mir eine Mail sendet, wie sich ein ganz unheimliches Gefühl in meinem Körper ausbreitet. Ich kann mir vorstellen, dass es sich dabei um Stresshormone oder so etwas handeln könnte. Es fühlt sich jedenfalls nicht gut an. Ich denke, dass mir dieses Gefühl genug zeigen sollte, dass mir der Kontakt zu ihm mir nicht gut tut. Ich hätte gerne ein besseres Verhältnis zu ihm und ein anderes Gefühl, wenn ich ihn sehe, aber es haben sich über die Jahre so viele negative Gefühle und Erinnerungen in mir angestaut, dass ich nicht in der Lage bin, gelassen mit der Situation umzugehen.

Gestern habe ich mich mit meiner Schwester getroffen. Sie ist absolut kalt und gleichgültig. Für sie gibt es keine Zweifel, dass mein Vater uns beide auch krank macht und wir egoistischer sein müssen. Sie lässt mir die Entscheidung über mein eigenes Verhalten, aber für sie gibt es keine andere Option. Sie sieht es auch so, dass er krank ist, aber dass er es auch bleiben wird und uns immer wieder mit in den Sumpf ziehen wird.

-Man muss dazu sagen, dass die Beziehung zwischen meinem Vater und dem Rest der Familie schon seit ich denken kann, sehr schwierig war. –

Mein Menschenverstand sagt mir, dass meine Schwester richtig denkt und handelt, mein Herz sagt mir „Was ist wenn er krank wird, wenn er doch alleine bleibt oder wenn er sogar stirbt?“ Ich mache mir permanent sorgen und bin so wütend und enttäuscht zugleich. 

Seit einer Woche habe ich es aufgeschoben Mamas Klamotten vor dem Container zu retten, heute habe ich mich endlich getraut..die Hunde waren da, also war er leider nicht Gassi, aber gehört habe ich ihn auch nicht. Erstmal. Zehn Minuten nachdem ich anfing ihren Schrank auszuräumen, hörte ich dann das Klickern von Tastaturtasten, drehte mich um und sah durch den Flur wie er im Raum gegenüber (meinem alten Kinderzimmer) am PC saß. Irgendwie gruselig, aber ich habe versucht es zu ignorieren. Mir ging es sowieso schon wirklich nicht gut und ich musste zwischendurch nach Luft schnappen, aber das machte das Ganze nur noch schlimmer. Etwa eine halbe Stunde später, kam er in den Raum und sagte:

-„Man sagt Hallo, wenn man wo reinkommt!“-

Es klang etwas traurig. Er ging und verließ das Haus. Schon wieder hatte er es geschafft mir ein schlechtes Gewissen zu verpassen. Dass er nicht Hallo sagen musste, lag für ihn klar auf der Hand. Er selber sieht sich immer als Boss, dem alle untertänig sein müssen.

Unten beim Auto einräumen, wurde ich von dem Nachbarn meines Vaters angesprochen. Seine Frau war eine gute Freundin meiner Mutter. Sie hatte mir eine Beileidskarte gesendet, in der sie uns allerdings auch ins Gewissen reden wollte, dass wir den Kontakt zu meinem Vater nochmal überdenken sollen. Sie wüsste zwar Bescheid, aber das bringe so nichts und wäre nicht in Mamas Interesse.
Die Karte hatte mich fertig gemacht. Ich fand es falsch, auf welche Weise sie sich einzumischen versuchte.
Ihr Mann, der mich heute ansprach sagte aber im ersten Atemzug schon, dass sie selber schon in Frage stellen würde, was sie da geschrieben hatte und dass die beiden auf unserer Seite stehen würde.

-Gibt es eine Seite?-

Ich will doch gar nicht, dass man sich auf eine Seite stellt. Ich vermeide es, Leuten die mit meinem Vater zu tun haben, über diesen riesen Mist den er gebaut hat zu erzählen. Das ist vielleicht auch etwas egoistisch. Je mehr Menschen sich von ihm abwenden, desto einsamer wird er und ich fühle mich schuldig und verpflichtet. Und ich denke, dass ich das nicht will.

Der Nachbar sagte noch, dass mein Vater sich schon in der ganzen Nachbarschaft beschwere, dass schon 10.000 von den 50.000 Euro der Lebensversicherung, für die Beerdigung drauf gingen. Ganz schön übel.

Ich konnte den ganzen Tag nichts essen, weil mir die ganze Situation so auf den Magen geschlagen ist. Mein bester Freund, der vor einigen Jahren auch einmal mein Partner war, hat mir in unserer Beziehung schon häufiger geraten, den Kontakt abzubrechen. Auch jetzt macht er sich große Sorgen und denkt, dass die Beziehung nicht gut wäre, und dass mein Vater sich nicht ändern wird.
Jetzt sitze ich hier und denke darüber nach, ob ich meinem Vater noch irgend etwas schreiben soll. Nichts vorwurfsvolles, sondern nur, dass ich erstmal keinen Kontakt zu ihm haben kann, weil es mir nicht gut tut. Aber ich weiß nicht, ob es gut ist, ihm überhaupt noch einmal die Möglichkeit zu geben zu reagieren und Kontakt zu mir aufzunehmen.

Habe ich vielleicht zu viel Mitleid und nehme zu viel Rücksicht auf ihn. Sollte ich lernen, mich von Menschen die mir nicht gut tuen zu verabschieden? Und was wäre ungesünder, ständig mit einem schlechten Gewissen rumzulaufen, oder den Kontakt wieder aufzunehmen.

Vielleicht weiß hier ja jemand Rat =/

Macht’s gut und Danke für eure Zeit,

Sowl

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Ein Kommentar zu „Eigenverantwortung

  1. Rat? Mmh natürlich schwer. Gerade jetzt, in dieser Situation, unter all diesen Umständen und mit all den Vorgeschichte usw.
    Dass was ich „rate“ steht schon in der Überschrift von Dir. Ihr seid alle erwachsen, volljährig und selbst verantwortlich für das eigene Leben. Dein Vater ist erwachsen und verantwortlich für sein Leben. Und Du für Deines. Er tut was er für richtig hält. Du darfst es auch tun. Wenn er Dinge so gehandhabt hat und Dinge handhabt die etwas nunja gewöhnungsbedürftig sind, dann ist es seine Verantwortung. Er ist alt genug.
    Wenn Du merkst, der Umgang mit ihm ist schwierig, tut Dir derzeit nicht gut usw, dann darfst Du Distanz suchen.
    Du kannst ihm dass sagen oder schreiben. Vielleicht ist direkt es ihm sagen besser. Vielleicht das schreiben. Ich weiß es nicht.
    Ich denke er wird klarkommen. Er hatte sich eine andere Frau schon zu Lebzeiten Deiner Mutter gesucht, er hatte und hat das mit der Lebensversicherung im Blick, er regelt die Beisetzung usw.
    Er regelt „sein Leben auf seine Weise“ – wie er es für richtig hält.
    Du darfst (musst) Dein Leben regeln wie Du es für richtig hälst. Es ist ok.

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